Interview

GM Noël Studer: «Ich bin zuversichtlich, dass ich in nächster Zeit noch weiterkommen werde»

Der im bernischen Muri wohnhafte 20-jährige Noël Studer wurde dank eines Glanzresultats beim Grenke-Open im deutschen Karlsruhe – 6½ Punkte aus neun Runden bedeuteten die dritte GM-Norm und ermöglichten ihm gleichzeitig auch den Sprung über die als letzte Bedingung verlangte 2500-ELO-Grenze – jüngster Grossmeister in der Schweizer Schachgeschichte. Er ist nach Lucas Brunner, Yannick Pelletier und Florian Jenni erst der vierte gebürtige Schweizer, der den GM-Titel holte. Im Gespräch mit der «SSZ» blickt Noël Studer zurück auf die historischen Momente in Karlsruhe und sagt, warum er seinen Schweizer-Meister-Titel an der SEM in Grächen nicht verteidigen wird.

«SSZ»: Ostermontag, kurz vor 18 Uhr, Kongresszentrum Karlsruhe, Dauerschach in der letzten Runde des Grenke-Opens gegen den serbischen Grossmeister Aleksandar Indjic: Was ging Ihnen nach Partieende ganz spontan durch den Kopf, als Sie den für den Grossmeister-Titel noch nötigen halben Punkt im Trockenen hatten?

Noël Studer: Irgendwie wenig, aber ich fand es natürlich cool, dieses grosse Ziel, auf das ich so lange hingearbeitet habe, endlich erreicht zu haben. Am liebsten hätte ich gleich am Brett laut geschrien, aber das ist im Schach ja schwer möglich. Also ging ich nach draussen und habe einen lauten «Juchzer» von mir gegeben. Bei mir war in diesem Moment auch mein Nationalmannschaftskollege Sebastian Bogner, und wir haben uns spontan umarmt. Trotzdem dauerte es noch ein paar Tage, bis ich richtig realisierte, was ich geschafft habe.

Sie standen gegen Aleksandar Indjic ja auf Gewinn, haben sich sicherheitshalber aber für das Remis entschieden. Kann man in einem solch dramatischen Moment überhaupt noch rational überlegen, oder überwiegen rein emotionale Momente?

Bevor ich Dauerschach gegeben habe, habe ich kurz überlegt. Doch die Stellung war komplex zu berechnen, ich hatte nicht mehr allzu viel Zeit, stand vorher kritisch und hatte schon mit dem Gedanken gespielt, dass es wieder nicht reichen könnte. Insofern war das Dauerschach ein emotionaler Entscheid. Der GM-Titel war mir wichtiger als ein Platz weiter vorne in der Schlussrangliste. Wäre ich 100-prozentig sicher gewesen, die Partie zu gewinnen, hätte ich natürlich weitergespielt.

Mit drei Startsiegen und drei nachfolgenden Unentschieden gegen die 2600er GM Marin Bosiocic, GM Ivan Saric und GM Gata Kamsky hatten Sie einen phantastischen Einstieg ins Grenke-Open. Von welchem Moment an haben Sie sich gesagt: Diesmal muss es mit der GM-Norm klappen?

Der Knackpunkt war die siebte Runde, in der ich auf den titellosen Ritvars Reimanis traf. Der hat zwar nur 2285 ELO, spielte bis zu jenem Zeitpunkt aber ein ausgezeichnetes Turnier mit einer 2500er-Performance. In einen solchen Moment wünscht man sich keinen solchen Gegner, denn er drückt nur den Gegnerschnitt nach unten, und man muss unbedingt gewinnen. Insofern wäre ein Grossmeister «gäbiger» gewesen. Doch just gegen Reimanis spielte ich mit Schwarz meine qualitativ beste Partie. Nach diesem Sieg sagte ich mir: Nun muss es einfach reichen, diesen einen Punkt aus den beiden letzten Runden muss ich noch holen. Ich fühlte mich wirklich gut in Form und konnte mir nicht vorstellen, noch eine Partie zu verlieren.

Ein kurzer Abstecher zurück. In welchem Stadium Ihrer noch jungen Karriere haben Sie gewusst: Ich werde mal Grossmeister?

100 Prozent sicher sein kann man natürlich nie. Aber das Schlüsselerlebnis war sicher die erste GM-Norm 2014 in Deizisau. Sie hat mir gezeigt, dass ich es schaffen kann, wenn ich weiterhin konsequent darauf hinarbeite. Als ich mich ein Jahr später nach der Matura entschieden habe, voll auf Schach zu setzen, wurde es zu meinem klaren Ziel, Grossmeister zu werden.

In einer ersten Stellungnahme für die News auf der SBB-Homepage kurz nach der Schlussrunde haben Sie gesagt, Sie hätten in Karlsruhe besser gespielt als beim Accentus Young Masters in Bad Ragaz im März. Was haben Sie im Grenke-Open konkret besser gemacht?

In den ersten sieben Partien befand ich mich kein einziges Mal in Verlustgefahr. Die schlechteste Computerbewertung war 0,2 für den Gegner. Ich habe keine Fehler gemacht, war immer am Drücker und habe meine Partien aus einer Position der Stärke heraus gespielt. Erst in den beiden letzten Partien litt ich etwas unter Nervosität und habe nicht mehr die besten Züge gefunden. In Bad Ragaz hingegen war ich selbst mit einigen Gewinnpartien nicht zufrieden. Dort habe ich nach einem mässigen Start teilweise ein so hohes Risiko genommen, das schon eher an Kaffehaus-Schach erinnerte.

Das Grenke-Open ist ja das Nachfolge-Turnier des Opens von Deizisau, wo Sie 2014 als jüngster Schweizer Ihre erste GM-Norm geholt und unter anderem den Weltklassespieler Arkadi Naiditsch geschlagen haben. Spielten diese positiven Erinnerungen über die Ostertage in Karlsruhe mit?

Ja, durchaus. Deizisau liegt zwar schon drei Jahre zurück. Aber im Sinne eines kurzen Mentaltrainings zwei Minuten vor Partiebeginn am Brett liess ich die positiven Bilder von 2014 jeweils an mir vorbeigehen.

Sie haben bei den Schweizer Einzelmeisterschaften 2016 in Flims und beim Young Masters in Bad Ragaz 2017 ihre dritte GM-Norm jeweils um einen lausigen halben Punkt verfehlt. Welche Gefühlslage überwog nach diesen beiden Turnieren – die Enttäuschung über die knapp verpasste Chance oder Zuversicht, dass Sie dem grossen Ziel immer näher kommen?

Flims 2016 und Bad Ragaz 2017 waren zwei vollkommen verschiedene Turniere. In Flims wollte ich Schweizer Meister werden, da war die GM-Norm eher eine Nebensache. Allerdings gebe ich zu, dass es mich später schon etwas gewurmt hat, dass ich nicht gleich beide Fliegen auf einen Streich geschlagen habe. In Bad Ragaz habe ich schlecht gespielt. Dass ich dann trotzdem noch so nahe an eine GM-Norm herankam, zeigte mir auf, was möglich ist.

Interview: Markus Angst

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Noël Studer: «In Flims wollte ich Schweizer Meister werden, da war die GM-Norm eher eine Nebensache.»