Schach und jüdisches Selbstbewusstsein

Schach und jüdisches Selbstbewusstsein in der Deutschschweiz: Der Zürcher Schachklub Young Lasker in den 1920er- und 1930er-Jahren

Im Jahre 1921 lebten rund 7000 Jüdinnen und Juden in Zürich. Neben den drei Gemeinden («Isrealitische Cultusgemeinde Zürich»/«Israelitische Religionsgesellschaft»/«Agudas Achim»), welche die verschiedenen Glaubensrichtungen der Eingesessenen und der Zugewanderten repräsentierten, existierten nicht weniger als 24 Vereine oder Institutionen, die ihren Beitrag zum Bestand der jüdischen Kultur und des jüdischen Lebens in Zürich leisteten. 

Die Schweizer Juden sahen sich aber einem wachsenden Antisemitismus nicht nur von Extremisten ausgesetzt. Zu Beginn der 1920er-Jahre diskutierten beispielsweise Zürcher Stadtparlamentarier die «Einbürgerungsfrage» und verschärften die gesetzlichen Bestimmungen zur Zuwanderung von Juden. Begriffe wie «Überfremdung» dominierten den bisweilen antisemitisch aufgeladenen rechtsbürgerlichen Zürcher Diskurs und ängstigten viele Schweizer Juden. 

Nicht zuletzt deshalb traf sich im Jahr 1923 eine Gruppe jüdischer Jugendlicher, um den Schachklub Young Lasker zu gründen – benannt nach dem jüdischen Schachweltmeister Emanuel Lasker (1868–1941). Sport war seit dem von Max Nordau propagierten «Muskeljudentum» ein Medium jüdischen Selbstbewusstseins und jüdischer Emanzipation. Man wollte dem Bild des schwächlichen Juden Athletik und Fitness entgegensetzen. 

Jüdische Sportler hatten sich in Deutschland und überall in Europa als Fussballpioniere, Trainer, Schwimmerinnen oder Leichtathleten etabliert. «Hakoah Wien», ein polysportiver Verein, wurde zum Ärger der vielen Wiener Antisemiten sogar erster Meister der österreichischen Profiliga! Jüdische Fussballer aus Wien oder aus Budapest wirkten auch in der Nationalliga A als sehr starke Fussballprofis mit. 

Dass die jungen jüdischen Zürcher Freunde ihren Schachklub nach Emanuel Lasker benannten, ist bestimmt kein Zufall. Lasker wurde 1868 in Berlinchen in der Neumark als Sohn eines Kantors geboren. Er war als studierter Mathematiker und Philosoph und Schachprofi der zweite offizielle (und bisher einzige deutsche) Schachweltmeister und behauptete seinen Titel von 1894 bis 1921 über einen Zeitraum von vollen 27 Jahren. 

Lasker spielte an unzähligen Turnieren vor allem in den USA, gab Schachzeitschriften wie «Lasker's Chess Magazine» heraus, forschte auch über andere Denksportarten, Kartenspiele und Brettspiele wie Go, Dame, Mühle, Poker oder Bridge, die er zum Teil mit neuen Regeln versah. Emanuel Lasker galt als ausdauernder, kämpferischer, psychisch starker, zäher Spieler mit unübertroffenem Endspiel. 

Seine WM-Kämpfe gegen Siegbert Tarrasch, José Raúl Capablanca oder Carl Schlechter sind legendär. Besonders bemerkenswert war seine Partie von 1914 gegen den Kubaner Capablanca in St. Petersburg. Eine akademische Karriere des in philosophischen Kreisen als Aussenseiter gehandelten Mannes scheiterte, weshalb er seine Berufsspielerkarriere weiter forcierte.

Fabian Brändle

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Der Schachklub Young Lasker wurde nach dem jüdischen Schachweltmeister Emanuel Lasker benannt. (Zeichnung zu einer Lasker-Simultanvorstellung in Bern 1919 von Christian Brunnschweiler)