Essay

WGM Battina Trabert: «Spielen Frauen anders Schach?»

Der folgende Artikel der deutschen Frauengrossmeisterin Bettina Trabert erschien zuerst in der deutschen Schachzeitschrift «Europa Rochade». Wir danken deren Geschäftsführer Lothar Hirneise und der Autorin freundlichst für das Nachdruckrecht.

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Frauen und Mädchen, die sich eine Weile in der Schachwelt bewegen, müssen sich im Laufe der Zeit mit einer Menge von Vorurteilen und dummen Sprüchen herumschlagen. Die Palette reicht von unbedachten abwertenden Äusserungen über augenzwinkerndes Aufziehen bis hin zu (zum Glück seltenen) sexistischen Angriffen – letzteres vor allem in der Anonymität des Internets. Mich persönlich haben immer die überheblichen, scheinbar wohlmeinenden Sprüche am meisten gestört, im Sinne von «Für eine Frau spielst du aber gut…» 

Zu den hartnäckigen Vorurteilen, die in der überwiegend männlichen Schachwelt herumgeistern, gehört auch, dass Frauen «irgendwie anders» spielen. Worin dieses «anders» denn bestünde, habe ich an dieser Stelle früher – in den Zeiten, als ich solche Themen noch ausdiskutieren wollte – öfters gefragt. Unweigerlich kam dann die Rede auf den bei Frauen angeblich fehlenden «Killerinstinkt», was zumindest in dieser Formulierung äusserst fragwürdig ist. Schach ist kein Kriegsspiel, und Leute wie Viswanathan Anand oder Lewon Aronjan kommen auch nicht gerade als «Killer» daher. Zwar muss man den Willen haben, zu gewinnen und besser zu sein als die anderen, aber das gilt schliesslich für jeden sportlichen Wettkampf.

Versuche, die weibliche Fähigkeit zum «logischen Denken» in Frage zu stellen, sind natürlich noch absurder. Unter den nachdenklicheren Antworten gab es schliesslich noch zwei Kategorien, die sich zunächst einmal zu widersprechen schienen: Die einen meinten, dass Frauen «zahmer», die anderen, dass sie «irgendwie chaotischer» spielten. Auf meine Frage, wie es denn mit Judit Polgar sei, hiess es dann immer: «Ja, die spielt wie ein Mann.»

Ich habe dann gelegentlich angeboten, einige Partien gleicher Spielstärke auszuwählen, um raten zu lassen, ob sie von Frauen oder Männern gespielt waren. Fast alle meine männlichen Gesprächspartner waren überzeugt, dass sie dies tatsächlich unterscheiden könnten. Leider habe ich einen solchen Test nie tatsächlich durchgeführt, aber ich hielt und halte es immer noch für Unsinn, dass man Frauenpartien blind herausfiltern könnte – es gibt zwar individuelle Stilunterschiede, aber kein «typisches Frauenschach», das man als solches erkennen könnte. Vor allem gibt es stärkeres und schwächeres Schach, und dass Judit Polgars Schach als «männlich» angesehen wurde – was hiess es anderes, als dass es einfach starkes Schach war?

Inzwischen denke ich allerdings, dass in zwei der obigen Statements vielleicht doch ein Körnchen Wahrheit steckte. Wenn man überhaupt einen grundsätzlichen Unterschied aufzeigen kann, dann liegt der nicht in den Fähigkeiten oder im Spielstil, sondern in der Herangehensweise und Motivation. Ehrlich gesagt kannte und kenne ich wenige Frauen, die sich alleine «im stillen Kämmerlein» mit der Ausarbeitung komplizierter Eröffnungsvarianten beschäftigen. Ich hoffe, niemanden unter meinen Kolleginnen mit einer solchen Aussage zu beleidigen, aber ich glaube, dass Frauen im Schnitt schlechtere Theoriekenntnisse aufweisen als Männer mit einer vergleichbaren Spielstärke. Und so erklären sich vielleicht auch die oben erwähnten Statements: Wer weniger Theorie kennt, weicht den ganz scharfen Varianten lieber aus und spielt in der ersten Partiephase «zahmer», und ohne festes Theoriegerüst kann es schnell auch mal «chaotisch» werden. Ich denke, dass viele Spielerinnen stattdessen (das heisst zum Ausgleich bei ähnlicher Spielstärke) vor allem mit Erfahrung und Kampfkraft punkten – dazu später mehr.

Sicherlich waren die Unterschiede früher, als Frauen noch weitgehend unter sich spielten, weitaus stärker ausgeprägt als heute. Und sie verflachen mit zunehmender Spielstärke: Je stärker, desto objektiver wird das Schach in gewisser Weise – wer im GM-Bereich bestehen will, muss an allen Bereichen seines bzw. ihres Spiels arbeiten. Und wer noch höher hinaus will, muss einen grossen Teil seiner bzw. ihrer Energie dieser Sache verschreiben. Da dies nun zu einer anderen Grundfrage führt, möchte ich an dieser Stelle etwas weiter ausholen.

Wenn man fragt, ob Frauen anders spielen, schliesst dies meist die Frage mit ein, warum sie schlechter spielen. Dazu lässt sich zunächst einmal sagen, dass Frauen nicht schlechter spielen – im Gegenteil. Im Hinblick auf ihre ELO-Zahlen sind viele Frauen wohl immer noch etwas unterbewertet, das heisst die Konkurrenz in Frauenturnieren ist etwas stärker als die Zahlen zeigen. Dieser Effekt war vor einigen Jahrzehnten natürlich sehr viel deutlicher, da damals die Frauen weitgehend unter sich spielten.

In den 80er-Jahren bekamen sogar alle Frauen – bis auf die Polgars und Pia Cramling – zur Angleichung einmalig 100 ELO-Punkte «geschenkt». Das sorgte damals für einige Aufregung, entsprach aber in etwa dem tatsächlichen ELO-Gefälle. Inzwischen hat sich der ELO-Level durch die grössere Durchmischung sehr viel mehr angeglichen. Dass es wohl immer noch einen Unterschied gibt, zeigte die etwas unglückliche Protestaktion von Yifan Hou in Gibraltar Anfang dieses Jahres, als sie – verärgert darüber, dass sie in diesem starken Open fast nur gegen Frauen gepaart worden war – die letzte Runde kampflos aufgab.

Das komplette Essay von WGM Bettina Trabert sowie ein Interview mit Schweizer Meisterin WFM Lena Georgescu zum gleichen Thema finden Sie in «SSZ» 6/17.

 

Bettina Trabert ist seit 2000 Frauengrossmeisterin und spielte während vieler Jahre für die deutsche Frauen-Nationalmannschaft.