Monatsinterview mit IM André Lombard: «Dass Online-Zuschauer bei laufenden Elite-Partien mehr wissen über die aktuelle Stellung als die Akteure, finde ich traurig»

von Oliver Marti (Kommentare: 1)

Schachmässig mit allen Wassern gewaschen: IM André Lombard

om - Den alten Fahrensmann und fünffachen Schweizer Meister IM André Lombard braucht man eigentlich nicht gross vorzustellen, prägte seine Kohorte doch eine ganze Schachgeneration. Der 67-Jährige über seine Passion, die Vergangenheit und die Zukunft der (Schweizer) Schachwelt.

Wie sind Sie zum Schachsport gekommen und welche Rolle spielt Schach in Ihrem Leben?

Als Zwölfjähriger bat ich meinen Grossvater, mir zu zeigen, wie Schach geht. Das tat er, aber eigentlich hätten er und mein Vater es lieber gesehen, wenn aus mir ein richtig guter Pfadfinder geworden wäre. Letzen Endes war Schach das Mittel, um als Jüngling Erfolg zu haben und weite Reisen unternehmen zu können. 2005 bot Schach mir zudem die Chance zu einem beruflichen Wechsel und Neuanfang, als Geschäftsführer beim Schweizerischen Schachbund und als Schachlehrer.

Welche Personen haben Sie privat und in schachlicher Hinsicht am meisten geprägt?

Privat kommen mir mein Latein- sowie mein Deutschlehrer am Gymnasium in Thun und die Verwandten im Berner Oberland in den Sinn. Was Schach anbelangt ganz klar Erwin Luginbühl, ein Thuner und Mitglied der Schweizer Mannschaft an der Schacholympiade in Bulgarien 1962. Innert drei Jahren (1963–65) spielte er mit mir Dutzende von Trainingspartien und schlug mich dabei kompromisslos, bis ich auf seinem Niveau war. Aus den ersten 24 Partien holte ich nur magere vier Remis, während die Bilanz 1966 mit 4½/8 bereits zu meinen Gunsten ausfiel.

Ihre liebste Schach-Erinnerung oder -Anekdote.

Da gibt es viele: Einmal spielte ich gegen einen jugoslawischen Grossmeister und schlug ihn in 30 Zügen. Darauf klopfte er mir auf die Schultern und sagte: «Du bist mir ebenbirtig!» An einem Schachturnier in Polen, an dem neben mir ausschliesslich Spieler aus dem Osten teilnahmen, wurde die damals aktuelle Watergate-Affäre um Richard Nixon diskutiert. Meine Erklärung, warum Nixon als Präsident zurücktreten musste, überzeugte die anderen Teilnehmer gar nicht. «Wegen so einer Bagatelle muss doch kein amerikanischer Präsident den Schreibtisch räumen», so der Tenor. Mit besonderem Stolz erfüllt mich auch folgende Situation als Trainer des nationalen Damenkaders an der Schacholympiade in Moskau 1994: In der 2. Runde wurden die Schweizer Damen, die in der 1. Runde verloren hatten, falsch gegen ein Spitzenteam gepaart. Beim anschliessenden Protest, bei keinem Geringeren als Juri Awerbach, wollte man uns die Türe vor der Nase zuschlagen, was nur durch Delegationsleiter Peter Erismann, der beherzt seinen Fuss in die Türe schob, verhindert wurde. Wir sind schliesslich mit dem Protest durchgekommen, wobei uns auch die chinesische Delegation als zweite Leidtragende unterstützte.

Wie erklären Sie einem Laien die Faszination des Schachspiels?

Ich zeige ihm Beispiele auf seinem Niveau, bevorzugt im Stappen-Stil. Jedenfalls etwas, das die Eleganz und die Faszination des Schachspiels in seinen Augen begreiflich macht. An diesen Augen merkt man dann auch, ob der Funke übergesprungen ist.

«Aus jedem guten Schachspieler werde sich ein guter Mathematiker bilden lassen, aber nicht aus jedem guten Mathematiker ein guter Schachspieler.» Sie haben Mathematik studiert. Deckt sich die oben genannte Aussage mit Ihren Erfahrungen?

Nein. Lange nicht jeder gute Schachspieler bringt die Geduld und Energie auf, sich in ein wissenschaftliches Thema zu vertiefen.

Schach hat aber durchaus auch wissenschaftliche Aspekte…

Einige Bücher über Strategie oder über Endspiele mögen wissenschaftlichen Massstäben genügen. Was als Schachtheorie (besonders Eröffnungstheorie) bezeichnet wird, ist aber meines Erachtens nur eine Sammlung von Spezialfällen, da sehe ich keinen wissenschaftlichen Wert.

Der Schweizerische Schachbund leidet seit Jahren an einem Mitgliederschwund – mit welchen Massnahmen würden Sie diesen Trend stoppen?

Schach als Schulfach resp. Schach an Schulen. Bei den Kleinen anzufangen, halte ich für sehr wichtig. Auch ist es in der heutigen digitalisierten Welt ein Plus, dass Schach analog ohne Strom mit dem eigenen Hirn und mit «Holztöggeli» gespielt werden kann. Haptische Erfahrungen sind wichtig für die geistige Entwicklung und auch Eltern dürften Freude daran haben, wenn sich ihr Kind mit etwas Analogem beschäftigt. Diesen Trumpf sollte man ausspielen.

Warum gibt es so wenig schachspielende Frauen?

Kürzlich publizierten diverse Zeitungen eine Untersuchung zur Berufswahl von Frauen: Sie ziehen im Allgemeinen Menschen-bezogene und kommunikative Berufe vor. Das lässt sich auf Schach übertragen.

In Ihrer Schachkarriere engagierten Sie sich in verschiedenen Funktionen für den Schweizerischen Schachbund. Was hat sich Ihres Erachtens positiv und was allenfalls negativ verändert?

Positiv die bessere Betreuung für Jugendliche, professionellere Dienstleistungen und der Status als Sportverband. Als negative Aspekte sind viel mehr Konkurrenz bei den Freizeitangeboten und die Digitalisierung, da Schach auch gut vereinslos zuhause am Computer gespielt werden kann, zu nennen.

Stichwort Computerschach: Wie beurteilen Sie die Leistung der künstlichen Intelligenz Alpha Zero im Wettkampf gegen Stockfish und was heisst das für die Zukunft des Computerschachs?

Der Erfolg der neuen Methode ist verblüffend. Alpha Zero kann einen Ozean von Varianten auf ein Meer reduzieren. Im Computerschach sehe ich anderen Handlungsbedarf. Dass heute die Online-Zuschauer bei einer laufenden Partie der Elite mehr wissen über die aktuelle Stellung als die Akteure, finde ich hoch problematisch und sogar traurig. Wer versucht noch eigenhändig eine tiefe Analyse, gibt es noch heisse Diskussionen (die tagelang oder sogar wochenlang dauern konnten), ob eine Variante spielbar ist? Stattdessen wird diskutiert, ob Engine 2 noch etwas präziser arbeitet als Engine 1 oder wie viel es bringen würde, wenn statt fünf Rechnern fünfzig gleichzeitig am Werk wären. Dieses Spezialgebiet der Künstlichen Intelligenz bringt meines Erachtens wenig Nutzen.

Welche Länder/Orte haben Sie bereist, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben – und warum?

Israel 1967 kurz nach dem Sechstagekrieg an der U20-WM; die Euphorie der Israelis war allgegenwärtig. Auch Japan 1999 zur Kirschblütenzeit bleibt mir in guter Erinnerung. Ich war dort für einen Monat allein unterwegs und verbrachte zehn Tage in einem Zen-Zentrum. An absurden und denkwürdigen Situationen mangelte es nicht. Einmal brachte mich ein japanischer Geschäftsmann auf ein Taxi und übergab dem Fahrer zur Bezahlung einfach seine Visitenkarte. Dies genügte vollumfänglich.

Gab es in Ihrem Leben eine Zeit, in der Sie es sich ernsthaft überlegt haben, das Schachbrett an den Nagel zu hängen? Wenn ja, was war der Grund?

Genau an jenem Tag, an dem ich mich entschied, Schach zugunsten von Studium und Beruf zu reduzieren, erhielt ich von Hans Suri die Einladung ans Interzonenturnier in Biel 1976. Zwei Jahre später hörte ich auf mit ernsthaftem Schach – für meine späteren sporadischen Turnierpartien gab es jeweils nichtschachliche Gründe.

Welche Interviewfrage inklusive Antwort würden Sie sich gerne selber stellen?

Etwas zu Hans Suri, dank ihm konnte ich mehrmals am Bieler GM-Turnier teilnehmen. Höhepunkt war das Interzonenturnier 1976. Mit welcher Energie er das Schach in Biel förderte, war ausserordentlich. Und natürlich frohlockt mein Herz ob der Tatsache, dass sein Erbe mit dem Bieler Schach Festival aufrechterhalten wird.

Ein Buch, das Sie uns ans Herz legen möchten (Es muss kein Schachbuch sein).

«The Spinoza-Problem» von Irvin Yalom.

Eine eigene Schachpartie, an die Sie gerne zurückdenken.

Lajos Portisch – André Lombard, Interzonenturnier Biel, 1976.

 

Porträt

Geburtsdatum: 19. September 1950.

Wohnort: Thun.

Beruf: Abschluss als Mathematiker an der Universität Bern, Ausbildung zum Informatiker bei Unisys (US-Firma) in Zürich.

Titel: Internationaler Meister (seit 1976), Normen erzielt an der Olympiade Nizza 1974 und in Budapest 1976.

Funktionen: 1993—94 Trainer des nationalen Damenkaders (Teilnahme an der Olympiade Moskau im Dezember 1994), SSB-Geschäftsführer (vom 1. Februar 2005 bis 31. August 2011) und Schachlehrer.

Erfolge und Meilensteine

1965: Jugend-Schweizer-Meister, Teilnahme Jugend-Europameisterschaft (1969 erneut) und U20-Weltmeisterschaft.

1966: Gewinner des 2. Internationalen Jugendturniers in Schilde (Belgien).

1970—1978: Vertretung der Schweiz an fünf Schach-Olympiaden.

1976: Geteilter 2. Rang am Ferenc Krenosz Memorial in Budapest, Teilnahme am Interzonenturnier in Biel.

Einzel-Schweizer-Meister: 1969 (Luzern), 1970 (Riehen), 1973 (Weggis), 1974 (Wettingen), 1977 (Muttenz).

Mannschafts-Schweizer-Meister: 1970 (mit Birseck), 1977 und 1986 (mit Biel), 1998 (mit Bern), 2011 und 2013 (mit Réti Zürich).

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Joel Adler Kommentar von Joel Adler |

Sehr interessantes Interview!

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