Monatsinterview mit Marco Retti: Der Präsident des Schachklubs Echiquier Bruntrutain, kam durch seinen Sohn zum Schachsport

von Oliver Marti (Kommentare: 0)

Engagierter Schach-Vater und Präsident: Marco Retti

om - Die Feierlichkeiten zum 70-Jahr-Jubiläum des Klubs Echiquier Bruntrutain Porrentruy begannen nicht unter den besten Vorzeichen. Das für diesen Anlass geplante Schach-Open musste wegen Mangels an Anmeldungen abgesagt werden. Aber dieser Rückschlag wird den unermüdlichen Präsidenten Marco Retti, der an der Spitze eines dynamischen Vereins steht, dessen Nachwuchsförderung weit und breit beneidet wird, keineswegs entmutigen.

Marco Retti ist das Vorzeigebeispiel eines Erwachsenen, der durch sein brillantes und talentiertes Kind, das er lange Zeit während dessen Karriere begleitete, zum Schach kam. Warum also nicht aktiv an der Organisation der Jugendtrainings mitwirken und die Kurse des Sohnes gleich selber nutzen, um sich ein wenig zu verbessern?

Welche Rolle spielt Schach in Ihrem Leben?

Schach ist für mich in erster Linie ein Hobby. Ich liebe schnelle Partien im Internet, aber ich mag es nicht, Blitz gegen eine physisch anwesende Person zu spielen. Ich denke, dies beruht auf der Tatsache, dass man den Online-Gegner meist nicht kennt. Auch hasse ich es, zu verlieren. Und manchmal bin ich auch etwas unfreundlich mit meinem virtuellen Gegner. Wenn ich jedoch eine Partie gegen einen Gegner vis-à-vis von mir spiele, wird Fairplay grossgeschrieben. Wie bei den meisten Schachspielern.

Wie sind Sie zum Schachspiel gekommen?

Ich lernte Schach in der Schule kennen, als ich ungefähr 12 Jahre alt war. Der Lehrer hatte die Regeln erklärt und dann mussten wir Partien spielen. Und, Katastrophe, ich habe fast alle meine Partien verloren! Wie konnte das möglich sein? Später kaufte ich mir dann zwei Schachbücher: eines zur grundlegenden Theorie, das andere bestand aus Taktikaufgaben. Ich erinnere mich, dass ich alle Eröffnungen des einen Buches auswendig gelernt hatte, aber ich kannte die Ideen dahinter nicht. Wenn ich also in Partien aus der Eröffnung kam, wurde ich wieder mit meinem eher schwachen Schachwissen konfrontiert. Die Zeit verging und das Schachspiel ist mir nach und nach völlig entfallen.

Wie sind Sie also zurück zum Schach und besonders zum Schachsport gekommen?

Eines Tages entdeckte mein ältester Sohn Ivan ein Schachspiel, das ich vor langer Zeit in San Marino gekauft hatte, als er vier Jahre alt war. Françoise, seine Mutter, zeigte ihm, wie man die Figuren bewegt und dann begann ich gegen ihn zu spielen. Aufgrund seines enormen Geschicks haben wir beschlossen, ihn bei einem Schachklub anzumelden. Das war 2002. In diesem Moment trat ich ebenfalls dem Klub Echiquier Bruntrutain Porrentruy bei. Als Ivan immer stärker wurde und ich mit ihm durch die Schweiz reiste, wurde mir die Aufgabe des Jugendleiters anvertraut. Sie bestand aber nur in der Organisation von Ausflügen oder der Begleitung an Wettbewerbe im Zusammenhang mit den Jugendmeisterschaften.

Sie sind also Ihrem Sohn als Juniorenverantwortlicher gefolgt. Wie steht es denn um Ihre eigene Laufbahn als Spieler?

Ja, neben dem Gruppenunterricht nahm Ivan aber auch Privatunterricht, für den sein Lehrer, Franck Hassler, zu uns kam. Ich nutzte die Gelegenheit, mich gleichzeitig mit Ivan zu perfektionieren! Mit dem Beitritt in den Verein begann ich, an den verschiedenen Wettkämpfen des Schweizerischen Schachbundes teilzunehmen. Da ich Schwierigkeiten hatte, Spiele zu gewinnen, und unbedingt mehr ELO-Punkte wollte, begann ich, Schachbücher zu kaufen. Ich weiss es nicht genau, aber es müssen um die 50 Stück sein.

Stellen Sie uns Ihren Schachklub, der dieses Jahr sein 70-jähriges Bestehen feiert, vor.

Tatsächlich gab es wahrscheinlich schon im 19. Jahrhundert einen Klub. Im «Journal du Var» vom 5. Mai 1870 steht: «In Porrentruy (Schweiz) wurde gerade ein Schachklub gegründet.» Aber wir haben damals leider nichts darüber in der lokalen Presse gefunden. Es ist also das Jahr 1948, an dem wir festhalten. Vor diesem Jahr trafen sich die Freunde des königlichen Spiels bereits im Restaurant «Croix-Bleue» in der Grand-Rue. Es war aber eine Gruppe von Studenten des Lycée Cantonal, die den Klub in der Brasserie des Deux-Clefs gründeten. Abgesehen von einem möglichen Präsidenten, oder einer Präsidentin, während der ersten fünfzig Jahre, gab es bisher nur zwei Präsidenten an der Spitze: Elsa Luscher, die Schweizer Vize-Meisterin, und Edmond Bouduban. Ein tolles Beispiel für Beständigkeit!

Porrentruy ist kulturell sehr vielfältig und offen für die Nachbarkultur. Spiegelt sich das in Ihrem Club wider?

Ja, natürlich. Seit den ersten Jahren seines Bestehens hat der Klub Echiquier Bruntrutain freundschaftliche Beziehungen zu den verschiedenen Schachsektionen des Jura sowie zum benachbarten Frankreich, wie etwa zum Klub Franche-Comté in Beaulieu, zum Roi-Blanc Peugeot in Sochaux und zum elsässischen Schachklub in Sentheim, aufgebaut. Derzeit arbeiten wir eng mit dem französischen Klub Philidor-Mulhouse zusammen, dies dank GM Jean-Noël Riff, der für uns junge französische Spieler in voller Entwicklung entdeckt. Der 3. Platz in der Schweizerischen Gruppenmeisterschaft in diesem Jahr war zudem möglich dank der Ergebnisse von Antoine Flick (4/4), Dylan Viennot (2/2) mit einem Sieg über GM Deltschew, Josefine Heinemann (3/3), Bilel Bellahcene (3½/5), der kürzlich einen GM-Norm erhielt, und Quentin Burri (3½/5). Und das sind alles Junioren!

Was waren die Meilensteine Ihres Klubs?

Ein Höhepunkt war die Feier zum 25. Jahrestag 1973. Unter der Leitung der damaligen Leitung, Edmond Bouduban und Francis Sutterlet, veranstaltete Echiquier Bruntrutain ein internationales Turnier, an dem mehr als 300 Spieler aus der Schweiz, Frankreich und sogar aus Deutschland teilnahmen. Für die Jüngeren waren die 2000er bedeutend. 2008 wurde mein Sohn Ivan Schweizer U12-Meister und nahm an den Europameisterschaften in Herceg-Novi teil. Auch waren die Junioren von Echiquier Bruntrutain 2011 Finalisten der Schweizer Jugendmannschaftsmeisterschaft. Der Aufstieg in die 1. Bundesliga der SGM im Jahr 2016 war ebenfalls ein wichtiges Ereignis.

Wie erklären Sie sich diese seit einem Jahrzehnt blühenden Jahre?

Im Jahr 2000 übernahm Alexandre Desboeufs die Präsidentschaft des Klubs. Unter seiner Führung hat der Klub ein neues Gesicht bekommen. Er war an der Organisation der ersten Internationalen Jura-Opens im Jahr 2003 beteiligt sowie von Schachkursen für Schüler, die von Profi Franck Hassler gegeben wurden. Schliesslich organisierte er auch Kurse zur Ausbildung der ersten Mannschaft mit Grossmeister Andrei Sokolow.

Welche Schachfigur spiegelt am ehesten Ihren Charakter wider und weshalb?

Die Schachfigur, die mir am meisten ähnelt, ist der Bauer. Obwohl ich Fachlehrer an einer technischen Schule und Präsident eines Schachklubs bin, möchte ich die Aufmerksamkeit nicht auf mich ziehen. Im Zentrum einer Veranstaltung zu stehen, stört mich sehr. Meine Hochzeit fand auch in Las Vegas statt, in der Schweiz gabs keine Zeremonie. Der Bauer ist wichtig, aber er braucht Unterstützung. Er geht geradeaus und weicht von Zeit zu Zeit von seiner Zielgerade ab, kehrt aber immer auf die richtige Bahn zurück.

Wenn Sie eine berühmte Persönlichkeit – egal, ob lebendig oder tot – treffen dürften: Wer wäre es und warum?

Ich habe mich nie gefragt, ob ich eine berühmte Persönlichkeit kennen lernen möchte! Ich sage Cat Stevens, der amerikanische Sänger, allerdings bevor er die Religion wechselte. Ich habe seine Songs immer geliebt und wenn ich den Blues bekomme, geht nichts über das Hören eines seiner ersten Stücke.

 

Porträt

Geburtsdatum: 17. Februar 1959 in Foligno, Italien. Mit 5 Jahren in die Schweiz gekommen.

Wohnort: Bressaucourt/JU.

Beruf: Fachlehrer an einer technischen Schule.

Funktionen im Schachklub: Juniorenverantwortlicher seit 2002 und seit 2009 auch Präsident.

 

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