Monatsinterview mir Fortunat Schmid: «Feierlichkeiten sind immer eine gute Begründung, auch mal Grenzen zu sprengen und Vollgas zu geben – diese Chance haben wir ergriffen»

von Oliver Marti (Kommentare: 1)

Fortunat Schmid: «Im Jubiläums Jahr Präsident zu sein, ist etwas Grossartiges».

om - Als Kind nie einem Schachklub beigetreten, holt Fortunat Schmid diese Zeit nun mit seinem Engagement auf. Der Präsident des Schachklubs Chur im Gespräch über «Gehirndrücken» und was man mit einem hemmungslosen, etwas verrückten Team so alles in einem Jubiläumsjahr zustande bringt.

Wie sind Sie zum Schachspiel gekommen und welche Rolle spielt Schach in Ihrem Leben?

Figuren fressen fand ich schon toll, als ich meinem Vater und meinem Grossvater beim Schach zuschaute. Ich habe dann mehrheitlich, fast ausschliesslich, gegen meinen Vater gespielt. Später in der Schule habe ich gegen Mitschüler gespielt und gegen einen kleinen Nova-Taschen-Schachcomputer. Auf das Spielen mit diesem war ich ganz versessen. Ich war aber nie in einem Klub. Das hat sich einfach nicht angeboten. Irgendwie fürchtete ich auch latent, dafür nicht gut genug zu spielen. Dass ich nicht als Kind in einen Schachklub eingetreten bin, dass ich die Chance nicht hatte, mich in meiner Hirnaufbauphase schachlich zu entwickeln, das bereue ich noch heute. Heute weckt dies die Erkenntnis, dass ein Schachklub präsent und sichtbar sein muss und Hemmungen aktiv abbauen muss, um Junge zu erreichen.

Wie erklären Sie einem Laien die Faszination des Schachspiels?

Es gibt verschiedene Dinge, die mich am Schach faszinieren. Vor allem anderen gefällt mir die Tiefe. Man kann immer wieder Neues erfahren und erleben, auch wenn man immer wieder glaubt, dass sich alles in diesem kleinen quadratischen Rahmen abspielt und es eigentlich eine Grenze geben sollte. Diese vielen kleinen Erleuchtungen, welche sich immer wieder einstellen, fesseln mich. Dann fasziniert mich der menschliche Kontakt. Schach ist wie Armdrücken mit dem Gehirn, quasi «Gehirndrücken». Der Kontaktpunkt ist nicht der Arm, sondern das Gehirn. Auch wenn beide Spieler keine gemeinsame Sprache beherrschen, lernt man den Gegner auf einer Ebene kennen, die ich als farbig, spannend, tief und intensiv empfinde.

In diesem Jahr wird der Schachclub Chur 100 Jahre alt. Was bedeutet dieses Jubiläum Ihnen als Präsident wie auch als Mitglied des SC Chur?

Ich bin noch nicht lange Mitglied im Schachclub. Etwa fünf Jahre. Als so junges Mitglied in einem Jubiläumsjahr Präsident zu sein, ist etwas Grossartiges. Den Schachclub Chur nach aussen zu vertreten, erfüllt mich persönlich mit Stolz. Als Präsident sehe ich ein Jubiläum als eine grossartige Chance. Feierlichkeiten sind immer eine gute Begründung, auch mal Grenzen zu sprengen und Vollgas zu geben. Diese Chance haben wir ergriffen. Viele Hände und Schultern tragen den Schachclub durch ein sehr erlebnisreiches Jubiläumsjahr, welches immer wieder für Aufsehen sorgt. Die Highlights sind sicher der Stand an der HIGA (Bündner Messe in Chur), den wir über neun Tage besetzt hielten und immer wieder für Aufsehen sorgen konnten. GM Nico Georgiadis und WFM Lena Georgescu haben dort an zwei verschiedenen Tagen auf dem Zentrumsplatz ein Simultan gegeben. Gleichen Orts haben wir an einem anderen Tag 100 Churer Schüler ins Schachspiel eingeführt. Wir werden am 27. August 2019, dem eigentlichen Gründungstag, in der Stadtbibliothek mit einem Apéro feiern und die Bibliothek mit Schach-Lehrmitteln bestücken. Im Herbst besucht uns Ex-Weltmeister Anatoli Karpow und gibt ein Simultan. Zudem verewigen wir unsere ersten 100 Jahre in einer Festschrift.

Das Jubiläumsprogramm spricht Bände. Da musste sicher früh mit der Planung begonnen werden.

Eine frühe Planung ist enorm wichtig. Der Schlüssel zum Erfolg ist aber meines Erachtens ein grosses, enorm motiviertes und auch ein wenig verrücktes Team. Wenn man auf viele Menschen zählen kann, die tatkräftig mitmachen, dann kann man auch Herkulesaufgaben wohl verteilt auf vielen Schultern stemmen. Hat das Team auch keine Hemmungen, verrückte Dinge zu besprechen und in Erwägung zu ziehen, also auch verrückte Varianten zu berechnen, dann kann es vorkommen, dass man plötzlich verrückte Resultate erzielt.

Sie sind seit Kurzem Mitglied des Verbandsschiedsgerichts des Schweizerischen Schachbundes und hauptberuflich Rechtsanwalt. Gibt es Reglemente oder Vorschriften im Schach, die Sie schmunzeln lassen?

Ich muss schmunzeln, wenn man vergisst, wozu Regeln gut sind. Regeln regeln den Fall der Uneinigkeit zwischen Menschen. Es ist meines Erachtens nicht die Aufgabe der Zuschauer oder der Schiedsrichter, Regelverstösse zu korrigieren, welche die Beteiligten nicht reklamieren. Gerade wenn Eltern bei Kinderturnieren sich darüber beklagen, dass ein Spieler seit mehreren Zügen im Schach steht, so ist es immer noch der Gegner, der dies merken und reklamieren muss. So kann man eine Partie auch gewinnen, wenn man illegal rochiert, siehe Frauen-Europameisterschaft, solange der Gegner oder die Gegnerin dies nicht merkt. Wenn also Nepomniachtchi sich darüber aufregt, dass vier Schiedsrichter zuschauen, wie sein Gegner mit zwei Händen rochiert, ohne dies zu ahnden, dann muss ich schmunzeln. Immerhin hätte er die Uhr anhalten können und bei einem der vier Schiedsrichter den Regelverstoss annoncieren können.

Ihre liebste Schach-Erinnerung oder -Anekdote.

Es gibt wohl nirgends so viele schöne Anekdoten wie im Schach. Da wechselt der Favorit regelmässig. Die Anekdote von Burletzki ist da auf meiner Favoritenliste ganz weit oben.

Im Jahre 1908 gab es irgendwo in Süddeutschland einen Wettkampf über sechs Partien zwischen den lokalen Meistern Burletzki und Köhnlein. Vor allem Burletzki überschätzte sein Können masslos und ging mit (zu) grossem Selbstbewusstsein in die Partien.

Die erste Partie gewann Köhnlein. Darauf Burletzki: «Ich habe einen dummen Fehler gemacht.»

Die zweite Partie gewann Köhnlein. Darauf Burletzki: «Man kann nicht immer gewinnen.»

Die dritte Partie gewann Köhnlein. Darauf Burletzki: «Ich bin heute nicht in guter Form.»

Die vierte Partie gewann Köhnlein. Darauf Burletzki: «Er spielt nicht schlecht.»

Die fünfte Partie gewann Köhnlein. Darauf Burletzki: «Ich habe ihn unterschätzt.»

Die sechste Partie gewann Köhnlein. Darauf Burletzki: «Ich glaube, er ist mir ebenbürtig.»

Warum gibt es Ihres Erachtens so wenig schachspielende Frauen?

Schach ist eine Männerdomäne, weil so wenig Frauen Schach spielen. Es spielen nur so wenig Frauen Schach, weil Schach eine Männerdomäne ist. Das ist ein typischer Teufelskreis. Diesen müssen wir durchbrechen. Man muss das Etikett «Männerdomäne» entfernen und Schach auch für Frauen attraktiver machen. Sobald der Frauenanteil in den Clubs merkbar grösser ist, wird die Schachszene für Frauen auch attraktiver und es fällt dann auch leichter, sich der Szene anzuschliessen. Der Mythos, dass Frauen naturgegeben weniger fürs Schach geschaffen seien, wird sich dann allerdings in Luft auflösen.

Welche Länder/Orte haben Sie bereist, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben – und warum?

Ich habe festgestellt, dass es keine Rolle spielt, wo man ist, oder wo man hinreist. Wenn man die Augen öffnet, dann hinterlässt jeder Ort bleibende Eindrücke.

Welche Interviewfrage inklusive Antwort würden Sie sich gerne selber stellen?

Wie kann man Breiten- und Jugendschach fördern? Wir brauchen ein attraktives, einladendes Angebot, das die Hemmungen des Anfängers abbauen hilft. Dieses Angebot tragen wir mit hartnäckiger Beharrlichkeit immer und immer wieder in die Öffentlichkeit. Und wenn von 40 Ideen 39 Totgeburten waren, lernen wir daraus, was diese eine Idee wohl am Leben gehalten hat und warum die 39 anderen Flops waren.

Ein Buch, das Sie uns ans Herz legen möchten (es muss kein Schachbuch sein).

Mein Lieblingsbuch ist der E-Book-Reader Tolino. Dieses Gerät erfreut mich, da ich unglaubliche Schwierigkeiten habe, mich auf ein Buch festzulegen. Im Moment lese ich den ersten Band der Game Of Thrones Reihe von George R. R. Martin, von Shunryu Suzuki «Zen-Geist Anfänger-Geist», Aaron Nimzowitschs «Mein System» und mit den Kindern «Emil und die Detektive» von Erich Kästner. Wenn man von mir mit der Nennung eines Buches komprimierte Weisheit erwartet, dann erntest Du nur dekomprimierte Überforderung.

Porträt

Geburtsdatum: 6. Oktober 1979

Wohnort: Chur

Beruf: Mediator und Rechtsanwalt

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Peter A. Wyss Kommentar von Peter A. Wyss |

Super! Das Interview muss noch auf unsere Klub-Homepage!

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