Monatsinterview mit Georg Kradolfer: «Als Schachspieler ist man unter Schachfreunden überall auf der Welt willkommen»

von Felix Hindermann (Kommentare: 0)

Georg Kradolfer: «Als Schachspieler ist man unter Schachfreunden überall auf der Welt willkommen» (im Bild in der Academia de Ajedrez in Niquero im Süden Kubas).

fh - Der in Küsnacht wohnhafte Internationale Schiedsrichter Georg Kradolfer gehört dem Zentralvorstand des Schweizerischen Schachbundes (SSB) an und leitet das Ressort Ausbildung. Der Präsident des SV Wollishofen war 1998 bis 2016 Organisator des Zürcher Weihnachts-Opens und gehört als erster Schweizer der Schiedsrichterkommission des Weltschachverbandes FIDE an.

Welche Schachfigur spiegelt ihren Charakter am besten wider und weshalb?

Der geradlinige Turm.

Welche Person(en) hat (haben) Sie am meisten geprägt? In schachlicher Hinsicht?

Mein Vater. Er hat mir seine Freude am Schach weitergegeben. Bent Larsen und Bobby Fischer waren für mich als Jugendlicher die schachlichen Vorbilder.

Welche Rolle spielt Schach in Ihrem Leben?

Seit dem 12. Lebensjahr spiele ich regelmässig Schach. Trotz vieler anderer Engagements habe ich mir immer Zeit für Schachpartien frei geschaufelt.

Wie erklären Sie einem Laien die Faszination des Schachspiels?

Faszinierend ist, dass jede Partie anders verläuft und man dabei glauben kann, gegen jeden Gegner eine Chance zu haben, wenn sie auch noch so klein ist!

Der Schweizerische Schachbund leidet seit Jahren an einem Mitgliederschwund – mit welchen Massnahmen würden Sie diesen Trend stoppen?

Eine quantitative Steigerung der Mitgliederzahl macht nur Sinn, wenn diese nachhaltig ist. Ich würde mir deshalb eine qualitative verbesserte Schulung von Kindern und ein Engagement von noch mehr Vereinen in der Jugendarbeit wünschen.

Warum gibt es so wenig schachspielende Frauen?

Ich weiss es nicht. Bei den Kindern ist der Mädchenanteil mit 15 Prozent (Wollishofer Jugendturnier 2017) noch relativ gross. Vielleicht setzen Frauen die Prioritäten in späteren Jahren anders und stellen Ausbildung, Beruf und Familie in den Vordergrund.

Was und wann haben Sie zuletzt neu erlernt?

Seit einem Jahr versuche ich, eine neue Eröffnung zu lernen. Wie es scheint, will dies nicht wirklich gelingen. Zu wenig Praxis und ein Gedächtnis, das lustlos auf neue Varianten reagiert, sind wohl die Hauptgründe.

Für was können Sie sich begeistern?

Mit meinem Trekkingbike durch unbekannte Gebiete zu reisen, neue Eindrücke zu sammeln und diese fotografisch festzuhalten. Zudem findet sich fast überall eine Möglichkeit für Schachpartien, und man wird immer willkommen geheissen.

Was stört Sie in der Schweiz? Was würden Sie ändern, wenn Sie könnten?

Ich freue mich nach jeder Reise, wieder in meine «geordnete» Umgebung zurückzukehren. Nur die häufig erzeugte Hektik erachte ich als störend und würde ich abschaffen.

Welche Länder/Orte haben Sie bereist, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben – und warum?

Meine zweimonatige Reise durch Patagonien (Chile und Argentinien), die ich vor einigen Jahren allein und mit dem Velo gemacht habe. Die gastfreundlichen Bewohner sowie die unglaublich vielseitigen Landschaften Südamerikas werden mir in Erinnerung bleiben. Mit dem Velo «erfährt» sich meines Erachtens eine neue Gegend am besten. Die nicht alltäglichen Strapazen werden mit einmaligen Erlebnissen belohnt.

Welchen Traum würden Sie sich gerne noch erfüllen?

Eine längere Radreise durch die mir noch unbekannten Länder Lateinamerikas und besser Spanisch zu lernen.

Abschliessende Frage: Sie haben unzählige Jugendturniere als Delegationsleiter begleitet und über Jahre das am 26. Dezember startende Zürcher Weihnachtsopen organisiert. Gibt es aus dieser Zeit eine Anekdote, die besonders haften blieb?

Ein Spieler kommt an den Turnierleitertisch und teilt mit, dass sein Gegner nicht am Brett sei und er eine eigene Figur berührt habe, mit der Absicht diese zu ziehen. «Muss ich diese Figur nun ziehen, obwohl ich dann die Dame verliere?», war seine Frage. Nachdem Verdikt «Ja» kehrte er ans Brett zurück und gab seine Partie gegen den verdutzten Gegner auf! Dieser kommentierte: «Das ist Fairness!» Oder vom Jugendturnier kürzlich: Spieler A steht auf Gewinn, und Spieler B bietet ständig Remis an. Spieler A ruft den Schiedsrichter und beschwert sich. Spieler B wird ermahnt, worauf dieser meinte: «Er verstehe nicht, warum sein Gegner entscheiden dürfe, wann ein Spiel remis ist.»

 

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