Monatsinterview mit Walter Bichsel: «Schach lässt sich nicht beherrschen, sondern nur geniessen»

von Felix Hindermann (Kommentare: 0)

Walter Bichsel: «Wo engagierte Leute die Verantwortung tragen, gibt es keinen Mitgliederschwund. All business is local.»

fh - Der auf die Delegiertenversammlung des Schweizerischen Schachbundes (SSB) im vergangenen Juni zurückgetretene Walter Bichsel war im Zentralvorstand für das Ressort Spitzenschach zuständig. Er studierte Mathematik an der ETH Zürich, promovierte mit einer Arbeit in reiner Mathematik und war als Entwickler und Projektmanager in einer weltweit agierenden Softwarefirma tätig. Heute befindet er sich im Teilruhestand und arbeitet nebenamtlich noch als Dozent und Berater.

Welche Schachfigur spiegelt ihren Charakter am besten wider und weshalb?

Die Aussicht, als Figur herumgeschoben zu werden, gefällt mir gar nicht! Wenn schon, dann passt am ehesten die Geradlinigkeit der Türme, selbst wenn das oft etwas schwerfällig wirkt und zuweilen in Sturheit ausarten kann.

Welche Person(en) hat (haben) Sie am meisten geprägt? In schachlicher Hinsicht?

Früher war ich grosser Fan von Bent Larsen. Sein Buch habe ich zeitweise fast auswendig gekannt, leider aber erst viel später verstanden. In den letzten Jahren haben mich vor allem die Bücher von Mark Dvoretsky beeindruckt. Ich bedauere, ihm nie persönlich begegnet zu sein, habe aber von Artur Jussupow viel über ihn erfahren.

Welche Rolle spielt Schach in Ihrem Leben?

Schach hat mir immer viel Freude bereitet und eine entsprechend grosse Rolle gespielt. In den letzten Jahren wurde die Rolle aber immer öfter zu gross.

Wie erklären Sie einem Laien die Faszination des Schachspiels?

Schach hat viele Facetten, da sollte sich für jeden Laien etwas Passendes finden lassen. Schach ist Wissenschaft, Kunst, Sport und vieles mehr. Für mich steht der sportliche Aspekt im Vordergrund, Schach gehört zu den reinsten Sportarten überhaupt. Am Brett sind die Spieler ganz auf sich allein gestellt, und die Leistung wird durch nichts verfälscht.

Der Schweizerische Schachbund leidet seit Jahren an einem Mitgliederschwund – mit welchen Massnahmen würden Sie diesen Trend stoppen?

Schach als Spiel ist gut bekannt, mehr Werbung braucht es für Schach als Sport. Dazu gehören zuallererst attraktive Wettkämpfe, gute Ausbildungsmöglichkeiten und auch mal frische Ideen. Der SSB sollte den Kalender entschlacken, um aktiven Vereinen mehr Luft zum Atmen zu lassen. Wo engagierte Leute die Verantwortung tragen, gibt es keinen Mitgliederschwund. All business is local.

Warum gibt es so wenig schachspielende Frauen?

Den zahlreichen Spekulationen zu diesem Thema will ich keine weiteren anfügen. Ich stelle einfach fest, dass der Prozentsatz schachspielender Frauen mit dem Prozentsatz von Frauen in technischen Fächern gut übereinstimmt. Andernorts ist das auch so, nur sind die Prozentsätze – zum Beispiel im Osten – höher.

Was und wann haben Sie zuletzt neu erlernt?

Von meinen Tätigkeiten her bin ich gewohnt, laufend Neues zu sehen und zu lernen. Etwas Spezielles fällt mir nicht ein.

Für was können Sie sich begeistern?

Ich bin nicht allzu begeisterungsfähig, aber eine interessante Partie und anschliessend ein gutes Essen mit Kollegen sind immer gut. Und natürlich Erfolge von unseren (jungen) Spielern.

Was stört Sie in der Schweiz? Was würden Sie ändern, wenn Sie könnten?

Mir gefällt es hier, was aber nicht heisst, dass mich nichts stört. Am ärgerlichsten sind all jene, die glauben, es sei ihr ureigenes Verdienst, hier leben zu dürfen. Als Erstes abschaffen würde ich die künstlichen Unterscheidungen zwischen Menschen, die hier aufgewachsen sind und Menschen, die hier aufgewachsen sind. Als nächstes mit allen anderen grosszügiger umgehen – das können wir uns leisten.

Welche Länder/Orte haben Sie bereist, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben – und warum?

Ich bin praktisch nur im Zusammenhang mit Schach gereist. Eindrücklich war das immer; insbesondere an Orten, die man sonst nicht besuchen würde. Zum Beispiel der «grösste sozialistische» Kurort (Karlsbad) zu Zeiten des Eisernen Vorhangs oder eine Kleinstadt (Ürgüp) ein paar hundert Kilometer östlich von Ankara in Zentralanatolien. Oder vor Jahrzehnten drei Wochen in Mexiko.

Welchen Traum würden Sie sich gerne noch erfüllen?

Ich habe viele Träume. Gelegentlich geht einer in Erfüllung, andere bisher nicht. Etwas, das unbedingt noch sein muss, gibt es nicht.

Abschliessende Frage: Sie kennen die Schweizer Jugendschach-Szene wie kaum sonst jemand. Weshalb «produziert» die Schweiz nicht mehr Titelträger?

Weil zu viele glauben, Titelträger könne man «produzieren»! Die Anzahl Titelträger ist kein guter Massstab. Titelträger die nicht überzeugen gibt es genug, starke Spieler ohne Titel viel weniger. Wichtiger als Titel ist die ständige Verbesserung. Das erfordert sehr viel Arbeit, Ausdauer, Freude und einen starken Willen – das innere Feuer muss brennen. Leider ist das nicht bei allen Talenten gleichermassen der Fall.

Was müsste geschehen, damit sich dies ändert?

Endlich von der Idee wegkommen, im Schach gebe es eine Autorität, die alles weiss. Das Spiel lässt sich nicht beherrschen, nur geniessen. Die Suche nach einer allwissenden Autorität treibt immer seltsamere Blüten. Bei Live-Übertragungen werden Empfehlungen einer Engine als «Wahrheit» mitgeliefert – oft nichtssagend, gelegentlich falsch. Als Höhepunkt wird am Ende ausgewiesen, wie oft ein Spieler die Empfehlung der Engine getroffen hat. Als ob das Ziel wäre, die Züge einer Engine zu erraten! Soll dieser Schwachsinn helfen, die Spielstärke zu heben oder die Freude am Spiel zu verbreiten? Ausschalten!

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