Monatsinterview mit IM Noël Studer – «Wenn nicht jetzt, wann dann?»

von Felix Hindermann

IM Noël Studer: «Schach war für mich eine Lebensschule, ich wäre nicht ich ohne Schach.»

fh - Im neuen Jahr werten wir die Homepage des Schweizerischen Schachbundes (SSB) mit zwei von Felix Hindermann betreuten neuen Rubriken auf. Neben den in ihrer Anzahl kontinuierlich steigenden Facts-and-Figures-News zu Schweizer Turnieren und Erfolgen von Schweizer Schachspieler(innen) finden Sie an dieser Stelle inskünftig jeweils zur Monatsmitte ein Interview mit einer Persönlichkeit aus der Schweizer Schachszene und immer zum Monatsende ein Schachrätsel oder einen aktuellen Tipp zu Schachbüchern, Schach-DVD oder Schach-Websites.

 

Das Auftaktinterview führte Felix Hindermann mit Schweizer Meister IM Noël Studer, der sich nach der Matura an die Karriere eines Schachprofis wagt.

Welche Schachfigur spiegelt ihren Charakter am besten wider und weshalb?

Der Springer. Er ist sehr speziell, tickt etwas anders als die Mehrheit und ist für Überraschungen gut.

Welche Person(en) hat (haben) Sie schachlich am meisten geprägt?

Ich habe vieles meinen langjährigen Trainern Oliver Kurmann und Artur Jussupow zu verdanken. Oliver hat mir beigebracht, wie man ein eigenes Repertoire aufbauen kann und daran arbeitet. Noch heute profitiere ich täglich von dieser Arbeit. Zudem war er menschlich ein grosses Vorbild. Mit einer Schachlegende wie Artur Jussupow zu arbeiten, prägt natürlich. Seine Trainingsmethoden, Geschichten und seine soziale Kompetenz machen ihn zu einem Super-Mentor, auch wenn ich nicht mehr mit ihm trainiere. Nun arbeite ich seit einem knappen Jahr mit Iossif Dorfman zusammen. Trotz dieser kurzen Zeit hat er mir schon sehr viel beigebracht. Meine professionelle Attitüde habe ich grösstenteils ihm zu verdanken. Ohne ihn wäre ich wohl nicht Schweizer Meister geworden. Ich bin zuversichtlich, dass er mich noch ganz weit nach vorne bringen kann.

Welche Rolle spielt Schach in Ihrem Leben?

Schach ist mein Beruf, meine Leidenschaft und mein Hobby. Zudem habe ich viele Freunde durchs Schachspiel kennengelernt. Schach war für mich eine Lebensschule, ich wäre nicht ich ohne Schach.

Wie erklären Sie einem Laien die Faszination des Schachspiels?

Man taucht in eine eigene Welt voller Emotionen und Herausforderungen ein. Jeder Zug hat seine eigene Geschichte, sehr viele verschiedene Dinge nehmen Einfluss auf eine einzige Entscheidung auf dem Schachbrett.

Der Schweizerische Schachbund leidet seit Jahren an einem Mitgliederschwund – mit welchen Massnahmen würden Sie diesen Trend stoppen?

Meine erste Massnahme wäre ein «Zusammen» anstelle eines «Gegeneinanders». In verschiedenen Instanzen im Schweizer-Schach gibt es ein grosses Konkurrenzdenken, teilweise herrscht Freude bei Misserfolgen. Ich möchte nicht konkreter werden, aber es wäre schön, wenn wir alle an einem Strang ziehen würden. Falls dies erreicht ist, würde ich den Schachsport mehr promoten. Es gibt ja anscheinend auch Kontakte in die Politik. Ich habe schon mehrmals verlautet, dass ich für fast alle Promo-Aktionen verfügbar bin. Bisher hat mich aber noch niemand danach gefragt. Wer gerne wissen möchte, wie das etwa aussehen könnte, kann gerne folgendes Video anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=NN8HK1zsR68. Ich möchte mich an dieser Stelle bei Roger Gloor, alias Alexander Rodshtein, für die Idee und das Filmen bedanken.

Warum gibt es so wenig schachspielende Frauen?

Als Schachspieler wird man häufig auf diese Thematik angesprochen. Gäbe es eine Antwort darauf, würde sich das sehr schnell ändern. Mit anderen Worten: Ich kann die Frage nicht beantworten.

Was und wann haben Sie zuletzt neu erlernt?

Ich lerne täglich viele neue Dinge, auf und neben dem Schachbrett. Derzeit erlerne ich gerade die italienische Sprache.

Für was können Sie sich begeistern?

Ich bin ein vielseitig interessierter Mensch und kann mich schnell begeistern. Ich spreche fünf Sprachen. Falls ich die Zeit finde, möchte ich zudem Russisch lernen. Zudem interessiere ich mich für die Wirtschaft, praktisch jede Sportart und Spiele.

Was stört Sie in der Schweiz? Was würden Sie ändern, wenn Sie könnten?

Grundsätzlich fühle ich mich privilegiert, in der Schweiz aufgewachsen zu sein. Schach als obligatorisches Schulfach fände ich natürlich schön. Was mich stört, ist der immer grösser werdende Fremdenhass.

Welche Länder/Orte haben Sie bereist, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben – und warum?

New York fand ich sehr inspirierend. Die Stadt ist wunderschön, und die Leute sind so verschieden. Besonders negativ in Erinnerung bleibt mir die Stadt Bhubaneswar in Indien. Jemanden in die Irre zu führen, nur um das Gesicht nicht zu verlieren, das finde ich absurd. Dies ist aber die dort herrschende «Das-Gesicht-nicht-verlieren»-Kultur. Zudem ist die Luft enorm schlecht, und man wird als Ausländer ein wenig wie ein Alien angeschaut. Natürlich hilft es da nicht, dass mein Turnier katastrophal lief…

Welchen Traum würden Sie sich gerne noch erfüllen?

Am Weltcup teilnehmen und eine Schachschule gründen. Zudem möchte ich gerne mal Kinder haben.

Abschliessende Frage: Auf Ihrer Homepage kommunizieren Sie ganz unschweizerisch offen das Ziel, als Schachprofi langfristig leben zu können. Wann ist dieser Entschluss gereift, und welche Spielstärke ist Ihrer Meinung nach hierzu in der Schweiz notwendig?

Als ich 2014 an der U18-WM Fünfter wurde, habe ich gemerkt, dass ich vieles erreichen kann. Ich begann über ein Leben als Schachprofi nachzudenken. Ein Zitat eines erfolgreichen Unternehmers hat meine Entscheidung erleichtert: «Erfüllst du nicht deine eigenen Träume, hilfst du jemanden, seine Träume zu verwirklichen». Ich dachte: «Wenn nicht jetzt, wann dann?» Falls ich nicht in den 2600er-Klub eintrete, werde ich mich beruflich verändern müssen. Ich bin aber überzeugt, dass ich mit Leidenschaft, harter Arbeit und der Unterstützung meines Umfeldes die 2600er-Grenze knacken kann.

Porträt von Noël Studer

Geburtsdatum: 18. Oktober 1996.

Wohnort: Muri/BE.

Beruf: Schachprofi.

Titel: Internationaler Meister (seit 2014).

Grösste Erfolge: Schweizer Meister 2016, Schweizer Mannschaftsmeister 2016 (mit Zürich), Schweizer Meister U16 und U20 2012 sowie U18 2014, 2014 drei IM-Normen innerhalb von fünf Monaten in Deizisau, Biel und Durban, 2014 1. GM-Norm in Deizisau als bis heute jüngster Schweizer Spieler, 2016 2. GM-Norm beim Accentus Young Masters in Bad Ragaz, 2014 5. Rang U18-Weltmeisterschaft, 2013 Silbermedaille U18-Mannschafts-Europameisterschaft.

Homepage: http://www.noelstuder.ch/de/

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