Yannick Pelletier zu seinem Sensationssieg gegen Weltmeister Magnus Carlsen: «Ich habe lange gut verteidigt und nie die Kontrolle über die Partie verloren»

von Markus Angst

Yannick Pelletier: «Es erfüllt mich mit grosser Genugtuung, Geschichte geschrieben zu haben.»

ma - Vier Wochen nach seinem mit Weiss aus der Eröffnung heraus erzielten, spektakulären Sieg gegen den Weltranglisten-Zweiten Hikaru Nakamura (USA) am European Club Cup im mazedonischen Skopje legte Yannick Pelletier an der Mannschafts-Europameisterschaft noch einen drauf. In der isländischen Hauptstadt Reykjavik schlug der aus Biel stammende und mit seiner Familie in Paris lebende 39-jährige Grossmeister mit Schwarz den amtierenden Weltmeister und Weltranglisten-Führenden Magnus Carlsen (25). Es war dies notabene der erste Sieg eines gebürtigen Schweizers gegen einen amtierenden Weltmeister seit 1932, als Oskar Naegeli in einem Trainingsturnier in Bern Alexander Aljechin bezwang.

Dabei hatte sich die Nummer 357 des aktuellen FIDE-Rankings gegen den 286 ELO-Punkte mehr aufweisenden norwegischen Superstar gar nicht auf die Englische Eröffnung vorbereitet, wie Yannick Pelletier am heutigen EM-Ruhetag in einem Exklusiv-Interview für die SSB-Homepage verriet.

Yannick Pelletier, vor einem Monat zogen Sie gegen Hikaru Nakamura eine alte Eröffnungs-Vorbereitung aus Ihrer Trickkiste. Was gab nun den Ausschlag für Ihren Sieg gegen Weltmeister Magnus Carlsen?

Yannick Pelletier: Es waren mehrere Faktoren. In erster Linie natürlich der grobe Fehler von Carlsen gegen Ende der Partie. Aber vorher habe ich lange gut verteidigt und nie die Kontrolle über die Partie verloren. Das war wichtig, weil Carlsen dafür bekannt ist, selbst kleine Vorteile im Endspiel zu einem Sieg auszunutzen. Nach der Partie hat er mir gesagt, dass er zwei/drei Verteidigungszüge von mir unterschätzt habe. Sicherlich spielte auch eine Rolle, dass Carlsen in Mannschaftsturnieren nicht ganz so hochgradig motiviert und konzentriert ist wie beispielsweise in einem Weltmeisterschafts-Kampf.

Gegen Nakamura standen Sie mit Weiss die ganze Partie besser, gegen Carlsen mit Schwarz erwartungsgemäss längere Zeit unter Druck, ehe Sie nach einem groben Fehler des Weltmeisters gewannen. Wie unterschied sich Ihre Stimmungslage nach diesen beiden Exploits?

Sieg ist Sieg – und ein Sieg gegen einen solch starken Spieler ist immer schön. Es erfüllt mich mit grosser Genugtuung, Geschichte geschrieben zu haben. Insofern war dies ein besonderer Tag für mich. Aber natürlich war der Partieverlauf diesmal ganz anders. Mit Weiss konnte ich gegen Nakamura auf Gewinn spielen, mit Schwarz ist das gegen einen Weltklassespieler nahezu unmöglich. Mein grösster Verdienst in dieser Partie war es, dass ich die Stellung solid verteidigt habe.

Hatte der Sieg gegen Nakamura einen Einfluss darauf, wie Sie in die Partie gegen Superstar Carlsen eingestiegen sind?

Nicht unbedingt. Denn mir ist schon bewusst, dass ein solcher Sieg wie gegen Nakamura nicht jeden Tag vorkommt. Und mit Schwarz gegen Carlsen zu spielen, ist ohnehin eine ganz andere Geschichte. Aber trotzdem hat der Sieg gegen Nakamura mein Selbstvertrauen etwas gestärkt und mir gezeigt, dass immer alles möglich ist.

Die Reaktion der anderen Spieler auf ihren Sieg muss an der Mannschafts-Europameisterschaft in Reykjavik um ein Vielfaches grösser gewesen sein als am European Club Cup in Skopje.

Ja, das war natürlich schön. Zuerst haben mir alle Schweizer Teammitglieder und Betreuer gratuliert, danach auch diverse Spieler aus anderen Ländern. Und später hat man mich auch noch ans Mikrofon für die Live-Übertragungen ins Internet geholt. (Anmerkung: siehe Link am Ende dieses Interviews!).

Hat Carlsen ebenso professionell auf die Niederlage reagiert wie Nakamura?

Ja, genau gleich, und er hat mir korrekt gratuliert. Nach meinem Springerabzug hat er zwar kurz den Kopf geschüttelt, aber das würde wohl jeder Spieler so machen. Nach der Partie war er sehr nett und hat sogar wieder gelächelt. Wir haben noch kurz am Brett analysiert, und er blieb danach bis zum Matchende.

Gab es vor dem Figurengewinn je eine Phase in der Partie, wo sie gedacht haben: «Jetzt könnte ich den Weltmeister schlagen»?

Nein, zu keinem Zeitpunkt. Die Verteidigung der Stellung war schon schwierig genug...

Waren Sie sich nach dem Figurengewinn sicher, dass Sie die Partie nach Hause bringen würden?

Ganz sicher ist man nie, und ich habe – wie schon im Interview nach dem Sieg gegen Nakamura betont – schon viele Gewinnpartien vergeigt. Doch mir war danach schon klar, dass nur noch ich auf Sieg spielen konnte, und deshalb war es umso wichtiger, die Kontrolle über das Spiel nicht zu verlieren. Nach dem Figurengewinn habe ich zwar die Konzentration etwas verloren, weil plötzlich so viele Leute ums Brett herum standen. Doch ich war ziemlich schnell wieder auf 100 Prozent.

Stichwort Carlsens zweizügiger Figurenverlust: Haben Sie eine Erklärung, wie einem Weltmeister ein solcher Fauxpas passieren kann?

Es zeigt, dass auch ein Schachweltmeister nur ein Mensch ist, und so etwas immer wieder vorkommen kann. Ich kenne das Gefühl selber, wenn man gegen einen 200 oder 300 ELO schwächeren Gegner verliert. Und wie schon angetönt, ist Carlsen bei einem Teamwettbewerb nicht so hochgradig konzentriert wie bei einem WM-Duell gegen Anand.

Wie viele Stunden hatten Sie in die Vorbereitung auf die Carlsen-Partie investiert?

Gut fünf Stunden.

Und kam das aufs Brett, was Sie vorbereitet hatten?

Überhaupt nicht! Ich hatte mich auf 1. d4 und 1. e4 eingestellt – aber es kam 1. c4. Doch auf die Englische Eröffnung habe ich als meine Spezialität das Igel-System, das ich seit 20 Jahren spiele und das wie eine zweite Natur von mir ist.

Die Team-EM dauert noch vier Runden. Können Sie sich nach dem Rummel über Ihren Carlsen-Sieg überhaupt noch auf die weiteren Aufgaben in Reykjavik konzentrieren?

Zugegebenermassen kommt der Ruhetag für mich im richtigen Moment. So habe ich Zeit, die Gratulationen entgegenzunehmen, mich auszuruhen, etwas Fitness zu betreiben oder Interviews zu geben. Meine Motivation für die vier letzten Runden wird jedoch auf keinen Fall leiden. Gut möglich allerdings, dass meine Gegner nun zusätzlich motiviert sind…

A propos Konzentration: Sie wohnen mit Ihrer Frau und Ihrem Kleinkind in Paris. Wie schwierig ist es für Sie, sich angesichts der aktuellen Ereignisse in Frankreich Tausende von Kilometern von der Familie entfernt in Island aufs Schach zu fokussieren?

Zum Glück ist meine Familie wohlauf, und ich stehe in regem telefonischem Kontakt mit Marie. Trotzdem gebe ich zu, dass ich nicht unglücklich war, dass wir am Tag nach den Attentaten gegen das relativ schwache Team der Färöer Inseln spielten und ich pausieren konnte. Doch nachher habe ich mich trotz der schrecklichen Ereignisse wieder voll aufs Schach konzentrieren können. Schliesslich muss ich meinen Beruf ja weiter ausüben.

Sie haben innerhalb kurzer Zeit die beiden Weltranglisten-Ersten geschlagen. Wo sorgt Yannick Pelletier als nächstes für Schlagzeilen?

(Schmunzelt) Ich werde auf jeden Fall nicht zurücktreten… Spass beiseite: Natürlich sind Siege gegen Nakamura und Carlsen Super-Momente, doch andererseits sind es nur einzelne Partien. Insofern wäre es nicht schlecht, wieder mal ein Turnier zu gewinnen.

Und welches Turnier spielen Sie als nächstes?

Das Zürcher Weihnachts-Open Ende Jahr.

Interview: Markus Angst

 

Sehen Sie in diesem Video, wie Yannick Pelletier in Reykjavik seinen Coup gegen Weltmeister Magnus Carlsen kommentiert hat: http://livestream.com/chess/events/4503945/videos/104808823

Alle Informationen, Resultate und Live-Partien zur Mannschafts-Europameisterschaft in Reykjavik, wo am Mittwoch Ruhetag ist, finden Sie hier:

www.etcc2015.com

http://chess-results.com/tnr191479.aspx?lan=1&art=2&rd=1&fedb=SUI&flag=30&wi=821

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