Schach stand im Mittelalter für Gleichheit und gegenseitigen Respekt

von Markus Angst (Kommentare: 0)

Ein muslimischer und ein jüdischer Spieler sitzen einander gegenüber zu einer Partie.

ma - In der jüngsten Ausgabe von «Schachmatt», dem Vereinsorgan des Schachklubs Tribschen, wirft Präsident Claudio Caduff mit einem interessanten Beitrag einen spannenden Blick in die Geschichte des Schachs. Dabei versteht er es ausgezeichnet, das Schachspiel wenigen Sätzen in einen grösseren gesellschaftlichen Zusammenhang zu stellen. Gedanken, die Völkerverständigung und Frieden zum Inhalt haben, sind in unserer unruhigen Zeit nötiger denn je.

Im Schach stehen sich schwarze und weisse Figuren gegenüber – heute oft als Symbol verwendet für einen unerbittlichen Kampf. Doch im Mittelalter hatte das Spiel eine ganz andere Bedeutung: Es stand – wie eine neue Forschung zeigt – häufig für Gleichheit und gegenseitigen Respekt.

Die Historikerin Krisztina Ilko von der Universität Cambridge untersuchte mittelalterliche Manuskripte, Gemälde und Schachsets. Ihre Analyse zeigt eine Art gerechte Welt, in der Intelligenz wichtiger war als Herkunft, Religion oder Hautfarbe.

Ein schönes Beispiel ist das berühmte Schachbuch «Libro de axedrez» aus dem 13. Jahrhundert – geschrieben für König Alfons X. von Kastilien. Darin sind viele Szenen dargestellt, in denen Menschen aus Afrika, dem Nahen Osten und Asien gemeinsam spielen – oft auf Augenhöhe und respektvoll.

In einer Szene wird ein schwarzer Spieler auf einer kunstvoll verzierten Bank dargestellt, eine Flasche Wein griffbereit, kurz davor, seinen weissen Gegner in einem freundschaftlichen Spiel zu besiegen. In einem anderen Bild sitzen ein muslimischer und ein jüdischer Spieler einander gegenüber zu einer Partie.

Auch dieses Beispiel zeigt, dass trotz politischer Konflikte, religiöser Unterschiede und mittelalterlicher Vorstellungen von Rasse das Schachspiel eine Möglichkeit bot, Gräben zu überbrücken.

Laut Krisztina Ilko war Schach eine Art gedanklicher Raum, in dem gesellschaftliche Hierarchien zwar existierten, aber hinterfragt werden konnten. Es ging nicht darum, wer mächtiger war, sondern wer klüger war. Das Spiel wurde oft als Krieg ohne Blutvergiessen beschrieben und als Modell einer idealen, geordneten Gesellschaft gesehen. Es ermöglichte Menschen aus verschiedenen Kulturen, miteinander in Kontakt zu treten und sich intellektuell auszutauschen.

Interessant ist auch, dass viele Schachprobleme aus dieser Zeit auf islamischen Spieltraditionen basierten – auch dies ein Zeichen für kulturellen Austausch.

Insgesamt zeigt die Studie: Das Mittelalter war kulturell vielfältiger als oft angenommen, und Schach war ein wichtiges Medium, das diese Vielfalt sichtbar machte.

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