Interview des Monats Januar mit Eric Delpin, Schachtrainer in Genf: «Ich habe mein Studium abgebrochen, um Schach zu unterrichten»

von Markus Angst

Eric Delpin begann wieder mit dem Schachspielen, als GM Gilles Miralles ihm vorschlug, Unterricht zu geben.

ma - Ein Samstagmorgen im November. Die Villa Plonjon, ein Herrenhaus im Parc des Eaux-Vives, beherbergt die Aktivitäten des Club d’échecs de Genève. Im Spielsaal neigt sich ein Anfängerkurs dem Ende zu. Einige der sieben Teilnehmer widmen die letzten Minuten dem Spiel, während andere die Übungen der Stappenmethode von ihrem Trainer Eric korrigieren lassen.

Gegen 10.30 Uhr kommen dann die Älteren mit einer ELO-Zahl zwischen 1400 und 1700, die ihre Hefte zu Hause gelassen haben. «Sie machen die Übungen selbst. Ich konzentriere den Unterricht lieber auf ihre Fragen und die Partieanalysen», sagt Eric Delpin. Sie alle spielen beim CEG in Mannschaftsmeisterschaften, bei den Junioren und Erwachsenen.

An diesem Morgen zeigt ihnen Eric eine Partie zwischen Morphy und Staunton. Er stellt Fragen zum Partieverlauf. Kommentare, Meinungen zur Position und Vorschläge kommen von links und rechts. Der Trainer hat Mühe, die leidenschaftlichen Äusserungen seiner Schüler zu kanalisieren.

Das Ende des Unterrichts ist Partien gegeneinander gewidmet, während Eric Delpin die Fragen des Interviewers beantwortet, bevor es mit dem Unterricht am Nachmittag weitergeht.

In Genf und Umgebung gibt es viele Schachklubs. Warum? Hat jeder seine Besonderheiten?

Eric Delpin: Ja, der Genfer Schachverband zählt etwa zehn Klubs, und es gibt noch weitere, nicht angeschlossene Vereine, in denen sich Menschen zum Vergnügen treffen. Von all diesen Vereinen würde ich sagen, dass nur CEG und Bois-Gentil überregionale Ambitionen haben und grosse Turniere anbieten. Aber jeder Verein hat seine eigene Geschichte und seine eigene Daseinsberechtigung.

Und wie sieht es mit den Verbindungen zur Genfer Schachschule aus?

Die EEG wurde vor mehr als 30 Jahren gegründet. Lange Zeit wurde sie von Gilles Miralles geleitet. Nach seinem plötzlichen Tod im Jahr 2022 wurde sie von Clovis Vernay übernommen. Es gibt keine Konkurrenz, da sie mit den Vereinen des Kantons in Verbindung bleibt. Die EEG hat einige Mannschaften in den unteren Ligen für Meisterschaften angemeldet, damit ihre Schüler(innen) im Wettkampf Fortschritte machen können. Aber ihre besten Spieler wechseln oft zu anderen Vereinen im Kanton. Sie in nationalen Ligen in anderen Vereinen spielen zu sehen, ist für die Verantwortlichen ein Erfolg.

Wie viele Mitglieder hat der CE Genève?

Es gibt etwa 70 aktive Mitglieder, aber insgesamt sind etwa 230 in unseren Listen erfasst – darunter 120 Erwachsene und 110 Junioren. Die Zahl schwankt sehr stark.

Und in Ihren Schachkursen?

Etwa 150 Kinder besuchen die Kurse während des Jahres (einige nur während eines Teils des Jahres). Von ihnen meldet sich die Hälfte im folgenden Jahr wieder an, und neue Mitglieder ergänzen die Teilnehmerzahl. Bei den Ferienkursen sehe ich 60 bis 80 pro Jahr. Wir haben die Zahl der Kurse schrittweise erhöht. Wir bieten jetzt neun Kurse an (fünf am Mittwoch und vier am Samstag, davon zwei für Erwachsene) mit insgesamt zwölf Stunden Unterricht. Darüber hinaus gibt es an bestimmten Sonntagen Sonderkurse mit Clovis Vernay und Online-Masterclasses mit Romain Edouard.

Heute Morgen scheinen Ihre Teilnehmer aus der Gruppe der Grossen sehr begeistert zu sein!

Das sind sie immer! Es ist grossartig, sie motivieren sich gegenseitig. Sie bringen Partien zur Analyse mit und geben ständig ihre Meinung ab. Ich muss versuchen, ihren Eifer ein wenig zu dämpfen und sie dazu anzuregen, mehr nachzudenken, bevor sie eine Entscheidung treffen – aber ohne ihre Leidenschaft zu mindern!

Derzeit gibt es in der Schweiz einen Schachboom. Spüren Sie das auch?

Wir hatten schon immer viele Mitglieder. Und nach den Unterbrechungen aufgrund der Corona-Pandemie stellen wir tatsächlich ein wiederauflebendes Interesse am Schachsport fest. Ich würde sagen, dass es in allen Genfer Klubs einen regelrechten Boom gibt. Das stelle ich auch in den öffentlichen Schulen fest, in denen ich seit 15 Jahren unterrichte. In den letzten Jahren nahmen zwischen 250 und 300 Teilnehmer(innen) am schulübergreifenden Turnier für Anfänger teil.

Einer meiner Junioren in Fribourg erzählte mir, dass es ihm vor fünf Jahren peinlich war, seinen Mitschülern zu sagen, dass er gerne Schach spielt. Aber das ist jetzt eindeutig nicht mehr der Fall. Haben Sie das auch beobachtet?

Ja, das ist mir auch aufgefallen. Nach einem Kurs sagen sogar Kinder, die von Natur aus keine Vorliebe für Schach hatten: «Schach ist toll!» oder «Ich dachte, das wäre langweilig.» Es ist ganz einfach: Ich habe noch nie ein negatives Feedback bekommen. Oder nur sehr selten, höchstens zwei Mal bei Tausenden von Kindern.

Wie sind Sie zum Schach gekommen?

Mein Vater (Anmerkung: Patrice Delpin, ELO-Zahl 1976) hat mir die Spielregeln beigebracht. Mit etwa acht Jahren habe ich angefangen, an schulübergreifenden Turnieren teilzunehmen – mit durchschnittlichen Ergebnissen. Ich habe auch mit meinem Vater in der Schweizer Familienmeisterschaft gespielt. Da er all seine Partien gewann und ich mindestens ein Unentschieden sicherstellte, waren wir sehr erfolgreich und belegten zweimal hintereinander den 2. Platz. Zu dieser Zeit prägte mich die Begegnung mit Gilles Miralles, und ich besuchte Kurse bei ihm. Ich trainierte mit Jugendlichen einer goldenen Generation. Dann hörten wir alle mit 16 oder 17 Jahren auf, obwohl einige von uns fast 2100 ELO hatten. 2009 fing ich wieder an, als Gilles mir vorschlug, Unterricht zu geben. Diese Erfahrung gefiel mir so gut, dass ich mein Literaturstudium abbrach, um Schach zu unterrichten.

Seitdem sind Sie also professioneller Schachlehrer?

Ja, das Sportamt der Stadt Genf unterstützt die Vereine, während private Stiftungen und Gemeinden den Unterricht in den Schulen fördern und das kantonale Sportamt die Sportverbände durch die Subventionierung von Trainer- und Verwaltungsstellen unterstützt. Wir sind zu dritt für das Schach in Genf zuständig. Ich teile meine Zeit also zwischen Unterricht und Verwaltungsaufgaben auf. Seit 15 Jahren kann in Genf während der Schulzeit Schach unterrichtet werden. Ich gebe auch mittwochs und samstags Training im Verein. Aus diesem Grund spiele ich fast nicht mehr im Team Genf II (zweimal im letzten Jahr, einmal in diesem Jahr). Denn ich muss jedes Mal Ersatz für den Unterricht finden.

Was ist Ihrer Meinung nach ein Schachkurs, der sein Ziel erreicht hat?

Das Wichtigste ist, dass es Spass macht. Es bleibt ein Spiel. Man muss die Schüler(innen) auch überraschen, sie neugierig machen. Und wenn sie am Ende etwas Interessantes gelernt haben, ist der Kurs gelungen.

Interview: Bernard Bovigny

Eric Delpin persönlich

Wohnort: Grand-Saconnex.

Alter: 35 Jahre.

Beruf: Schachtrainer.

Vereine: CE Genève, der älteste Verein des Kantons (gegründet 1900).

ELO Suisse: 2052.

Hobbys: Als junger Vater steht meine Familie an erster Stelle, aber ich lese auch gerne und spiele Rollenspiele.

Lieblingsschachspieler: Paul Morphy.

Ein Schachbuch: «Les 100 finales qu'il faut connaître» von Jesús de la Villa García

Eine Website: www.ceg.ch

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