Wie hole ich Kinder aus einem Ferienkurs in die Jugendgruppe des Vereins?

von Werner Aeschbach (Kommentare: 2)

Werner Aeschbach, Leiter der Fachstelle für Nachwuchsförderung und Ausbildung

Diese Frage wurde bei der Weiterbildung für Jugendtrainer/innen des SSB am 25. November vom Teilnehmer Benedikt Jorns gestellt, konnte aber aus Zeitgründen nicht mehr diskutiert werden. Es handelt sich um ein Problem, das viele Jugendleiter kennen. Der Teilnehmer Alexander Schiendorfer hat nach dem Kurs Benedikt per E-Mail geantwortet.

Diese Antwort in leicht redigierter Form wird hier zur Diskussion gestellt. Vielleicht kann so dieses Thema doch noch umfassend behandelt werden. Die nachfolgenden Überlegungen von Alex sind Anregungen zur Lösung des Problems: Kinder besuchen einen Schachkurs z.B. in den Sommerferien (Ferienpass, Sommerpass, Fägerkurs, etc.) und man möchte sie danach für die Jugendgruppe gewinnen. Es geht nicht darum jeden Punkt zu erfüllen und es gibt sicher auch andere Wege.

Massnahmen als Ferienkursleiter

  • Wichtig ist es zu vermitteln, dass das spätere Vereinstraining auf dem Kurs aufbaut, d.h. das Kind muss nicht wieder bei Null starten. Idealerweise kommen derselbe Kursleiter, dasselbe Lehrmittel (z.B. Stappen Heft 1), derselbe Raum etc. zum Einsatz.
  • Die Kinder kommen von div. Schulen, haben ein unterschiedliches Alter, d.h. sie kennen sich nicht. Es ist gut, wenn man ein Spiel einbaut, in dem sie sich kennenlernen. Keine klassische Vorstellungsrunde, sondern z.B. Gartenschachfiguren im Raum aufstellen. Fragen stellen: «Wer schon viel weiss von Schach geht zum König, wer wenig Kenntnisse hat stellt sich zum Bauern» usw. 2. Frage «wer Schach vom Grossvater gelernt hat geht zum Läufer». So 3-4 x Bewegung in die Gruppe bringen. Dies ist vor allem für Mädchen wichtig, dass sie spüren, dass die andern Kinder auch nicht mehr können.
  • Damit Schach Spass macht, müssen viele Erfolgserlebnisse eingebaut werden. Kleine, lösbare Aufgaben, Einbau von Geschichten, Lehrmittel welches man behalten darf. Keine Kopierübungen, denn das vermittelt den Kindern, dass sie nicht gut genug für ein Heft sind.
  • Am Schluss ein kleines Turnier mit Minipreisen oder Wettbewerb einbauen. Gruppen bilden, z.B. 3 Pkt., wenn man errät wo der älteste Schachklub der Welt ist, 5 Pkt. wer ein zweizügiges Matt findet. 10 Pkt. wer ein Schachrätsel aufbauen kann und die andere Gruppe kann es nicht lösen. 2 Pkt. wer mit Gartenschachfiguren den höheren Turm baut usw. Kreativität ist gefragt!
  • Meist ist es besser, wenn «jüngere» durchschnittliche Trainer den Kurs leiten. Meisterspieler sind oft nicht in der Lage ihr Tempo zu drosseln. Sie sollen aber später bei der «Elite» im Verein zum Einsatz kommen. Kürzlich fragte mich ein GM, ob es normal sei, das er seiner Tochter (ca. 6 Jahre), die Rochade öfters erklären muss…. Jüngere Trainer können sich besser in die Gedankengänge der Kinder einfühlen und sprechen eher ihre «Sprache».
  • Es ist ein Riesenvorteil, wenn der Kursleiter selber Vater/Mutter ist. Die Argumentation, warum das Kind weitermachen sollte, kommt bei Eltern glaubwürdiger von seinesgleichen rüber. Da reicht schon die Andeutung, dass ich mir als Vater die Frage auch gestellt habe.
  • Am Schluss den Kindern eine Übersicht mitgeben, welche Angebote es im Radius von 50 km gibt, wann es losgeht, was es kostet, was der Aufwand ist, Ziele usw. Da alles aufführen! Auch wenn es die «Konkurrenz» ist. Wichtig ist, dass die Kinder weitermachen. Das Angebot muss es den Eltern ermöglichen, eine Lösung zu finden, z.B. den richtigen Termin oder Standort zu finden, damit nicht Fussball, Musik etc. wegfallen muss. Es soll Ergänzung zu anderen tollen Aktivitäten sein, nicht ein gegenseitiges Ausspielen. Das heisst, auf Einwände von Eltern z.B. «Es geht aber nur am Do-Abend» muss man eine Lösung präsentieren. In Solothurn bieten wir an drei Abenden zu unterschiedlichen Zeiten Trainings.

Massnahmen als Verein

  • Alle Vereine, welche Kinder aufnehmen wollen, müssen auf Ihrer Homepage mit guten Informationen «warum Schach eine tolle Sache ist» auf die wichtigsten Fragen Antworten haben. Schlecht sind veraltete Homepages, welche den Eindruck vermitteln, dass der Verein im Sterben liegt oder dass das jüngste Mitglied 85 Jahre alt ist. Mit kleinen, frischen Berichten und Fotos aktuelle Trainings und Turniere präsentieren. Strahlende Gesichter, Pokale, aber auch konzentrierte Kids am Brett. Beispiele: Homepages z.B. von Markus Regez, Peter Hug, Solothurn.
  • Berichte über Turniere in Zeitungen, im Radio usw. helfen, dass Kinder sich nicht als Eigenbrötler und Sonderlinge vorkommen, wenn sie Schach trainieren und spielen. Halt so wie man Fussball spielt oder Rad fährt. Hier ist es natürlich wichtig, dass ein redegewandter Schachfan dies am Radio beschreibt.
  • Es erleichtert dem Kind den Übertritt, wenn es in einer Gruppe schnuppern darf, in der alles Neulinge sind anstatt der sofortigen Integration in die eigentliche Jugendgruppe wo jeder seinen Platz hat. Die Kinder fühlen sich sicherer in Schnuppergruppen. Hier muss sich der Trainer auch mit den Eltern befassen. Auf Fragen wie «Hilft Schach sich besser zu konzentrieren?», «Ist Schach teuer?», «Ich kann selber nicht spielen, ist das ein Problem?» braucht es gute, überzeugende Antworten, z.B. «Ja, es gibt Studien die aufzeigen, dass die schulischen Leistungen steigen und die Kinder spielerisch lernen» oder «Das spielen mit der Uhr hilft an Prüfungen die Zeit besser einzuteilen. Im Vergleich der Kosten mit Eishockey, Fussball schneidet Schach gut ab. Wir haben auch kleine Kurse für Eltern». Dabei sind TrainerInnen welche selber Kinder haben, klar im Vorteil gegenüber einem alten ledigen Haudegen.
  • Das Schnuppern sollte dem späteren Schachtraining in der Gruppe ähneln. So, dass das Kind sich darauf verlassen kann, dass es keine grossen Änderungen gibt. Abschluss im Schnuppern wieder ein kleines Turnier und ein Blick ins Heft 2 Stappen, dass es sieht wie es weitergeht.

In Solothurn haben wir pro Jahr zwei Schnupperkurse (Solothurn und Selzach, Total rund 30 Kinder). Beide Kurse finden im Klublokal statt, wo auch der Nachwuchs trainiert. Wir können auch nicht alles einhalten wie oben beschrieben. Trotzdem kommen 10-12 Kids aus dem Ferienpass anschliessend ins Schnuppern. Das dauert 3x1 Std. Bis jetzt ist die Übertrittsquote 90%. Das heisst rund 10 Kids treten anschliessend in eine ordentliche Jugendgruppe ein. Da wiederum muss man sich natürlich weiter bemühen, dass sie auch bleiben. Später kommen dann auch Meisterspieler zum Zug, indem sie die Besten fördern.

Alex Schiendorfer

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Peter A. Wyss Kommentar von Peter A. Wyss |

Vielen Dank Alex! So stelle ich mir das Forum vor: Lernen von den andern; viele Anregungen; gute und bewährte Ideen; GOOD NEWS (Erfolgsquote 90 %)! Hat Ihr Verein das Jahresprogramm 2018 schon vorbereitet? Wenn nicht empfehle ich folgendes Vorgehen: Pflichtlektüre für alle Vorstandsmitglieder; Traktandum für die nächste Vorstandssitzung und eine terminierte Umsetzung 2018! Viel Erfolg und sportliche Grüsse Peter

Alex Schiendorfer Kommentar von Alex Schiendorfer |

Danke Peter für deine netten Worte. Einen Hinweis: Könnte man -nachdem die erste U8 CH stattgefunden hat- die Mitgliederliste auch mit der Rubrik U8 erweitern?

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