Yannick Pelletier nach seinem Sensationssieg gegen Hikaru Nakamura: «Ich konnte eine alte Eröffnungsidee im besten Moment endlich einmal anwenden»

von Markus Angst

Yannick Pelletier: «Mit der vorbereiteten Eröffnung alleine war es nicht getan, ich musste nachher auch noch gute Züge finden.»

ma - Mit seinem Sieg gegen den 259 ELO-Punkte stärkeren amerikanischen Weltranglisten-Zweiten GM Hikaru Nakamura (2816) sorgte der für die SG Zürich spielende 39-jährige Schweizer GM Yannick Pelletier (Nr. 398) am European Club Cup in Skopje für einen grossen Coup.

Wie der fünffache Schweizer Meister im folgenden Exklusiv-Interview erläutert, konnte er gegen den Sieger des Superturniers «Millionaire Monday» in Las Vegas von vergangener Woche eine seit Jahren im Hinterkopf gespeicherte Eröffnungsvorbereitung endlich einmal anwenden.

Herzliche Gratulation zu Ihrem Coup gegen Hikaru Nakamura! Was muss am Tag X alles stimmen, damit die Nummer 398 der Welt gegen die Nummer 2 gewinnen kann?

Yannick Pelletier: Wichtig ist, dass einem die Eröffnung gut gelingt. Und da kam mir zugute, dass ich mit Weiss eine alte Eröffnungsidee, die ich seit einigen Jahren in meinem Hinterkopf und in die ich viele Stunden Arbeit gesteckt habe, die jedoch die Spielweise meiner Gegner bisher nicht zuliess, im besten Moment endlich einmal anwenden konnte. Während für mich ein Stellungstyp entstand, der mir liegt, hat Nakamura mit Schwarz nicht so gut reagiert. Natürlich war es mit der vorbereiteten Eröffnung alleine nicht getan, ich musste nachher auch noch gute Züge finden. Insofern war es sicher auch mein Verdienst, dass Nakamura kein Gegenspiel bekam.

In den meisten Sportarten gibt es grosse Jubelszenen, wenn ein Aussenseiter einen Favoriten bezwingt. Wie war Ihre Stimmungslage, als Nakamura aufgegeben hat?

Natürlich kann man im Spielsaal nicht jubeln, sonst würde man ja die anderen Spieler stören. Aber es war zweifellos einer der schönsten Momente in meiner Karriere – auch von der schöpferischen Komponente und der situativen Energie her, die ich in diese Partie gesteckt habe. Deshalb spürte ich eine grosse Zufriedenheit. Besonders gefreut hat mich, dass mit William Wirth und Mathis Cabiallavetta zwei langjährige Schachförderer im Turniersaal Zeugen meines schönes Sieges wurden.

Haben Sie den Sieg am Abend mit Ihren Zürcher Mannschaftskollegen gross gefeiert?

Nein, nicht gross, wir gingen normal Nachtessen. Meine Teamkollegen haben sich zwar auch über meinen Sieg gefreut. Doch die Freude war auch etwas getrübt. Denn als Mannschaft haben wir uns geärgert, dass wir den Match 2:4 verloren haben, obwohl gegen diesen übermächtigen Gegner mit vier Spielern über 2750 ELO mehr drin gelegen wäre.

Wie viele Hände mussten Sie nach dem Sieg schütteln?

Am Abend des Sieges nicht so viele, weil zahlreiche Spieler noch am Brett sassen. Am folgenden Tag haben mir dann aber viele Spieler anderer Mannschaften gratuliert.

Wie hat Nakamura auf die Niederlage reagiert?

Absolut vorbildlich korrekt, und es gab auch den obligaten Shakehands. Auch während der Partie hat sich Nakamura in keinster Art und Weise unsportlich verhalten. Ich war wirklich positiv überrascht.

Wie lange hatten Sie sich auf die Partie vorbereitet?

Wie bereits gesagt, liegt die eigentliche Vorbereitung auf die zustande gekommene Eröffnung ein paar Jahre zurück. Deshalb habe ich diese Idee während meiner rund dreistündigen Vorbereitung nach dem Frühstück nicht mehr speziell verfolgt. Es ist ohnehin schwierig, sich gegen Nakamura vorzubereiten, da man nie weiss, was er spielen wird.

In welchem Zeitpunkt der Partie haben Sie realisiert, dass Sie möglicherweise gewinnen können?

Von der Körpersprache Nakamuras habe ich keine Hinweise bekommen, dass er sich in einer kritischen Situation befinden könnte. Aber etwa ab dem 26. Zug war mir klar, dass ich klar besser stehe.

Und wann waren Sie sicher, dass Ihnen die Partie nicht mehr entgleiten wird?

Erst kurz vor Nakamuras Aufgabe. Schliesslich hat man grossen Respekt vor einem so bekannten Gegner und man sieht manchmal auch Gespenster statt realistische Rettungschancen. Deshalb habe ich all meine Züge immer doppelt gecheckt. Denn es ist eine meiner grössten Schwächen, Gewinnstellungen zu verwerten.

Sehen Sie auf YouTube, wie GM Jan Gustafsson Yannick Pelletiers Coup auf Deutsch kommentiert: https://www.youtube.com/watch?v=WgGf2D4VKHU

Und hier können Sie die Gewinnpartie von Yannick Pelletier nachspielen: https://chess24.com/en/watch/live-tournaments/european-club-cup-2015/2/4/3

Alle Details und Live-Partien des European Club Cups in Skopje finden Sie hier:

http://www.europeanchessclubcup2015.com

http://www.chess-results.com/tnr188529.aspx?lan=20

« Zurück